Barbesuch: gebrauchen oder geniessen?

Old Sour

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Mir ist in letzter Zeit wieder klargeworden, wie unterschiedlich die Motivationen hinter einem Barbesuch sind. Wenn man das Treiben am Tresen beobachtet, lÀsst sich das eigentlich sehr schön mit der augustinisch-stoischen Unterscheidung zwischen uti (gebrauchen) und frui (geniessen) beschreiben.

Ein Grossteil der GĂ€ste nutzt die Bar im Sinne des uti. FĂŒr sie ist der Ort eine Infrastruktur, ein nĂŒtzliches Werkzeug. Sie treffen dort Freunde, hĂ€ngen nach der Arbeit ab, um zu sozialisieren, oder nutzen den Drink als Schmiermittel fĂŒr das GesprĂ€ch. Die Bar wird hier „gebraucht“, um ein soziales Ziel zu erreichen. Das ist völlig legitim, aber der Fokus liegt dabei selten auf dem Handwerk im Glas oder der speziellen AtmosphĂ€re des Ortes selbst.

Und dann gibt es jene, die eine Bar im Sinne des frui besuchen – um der Bar willen. Hier ist der Besuch kein Mittel zum Zweck, sondern der Endpunkt der Sehnsucht.
Diese GĂ€ste erkennt man oft an einem ganz bestimmten Verhaltensmuster:
Sie sind meist schon vor dem grossen Ansturm da. Sie suchen die „Blaue Stunde“, wenn die EisbehĂ€lter voll sind und der Barkeeper noch die Ruhe hat, jedes Detail des Drinks zu zelebrieren. Sie gehen meistens dann, wenn die Masse kommt und das Rauschen die Nuancen ĂŒbertönt. Sie kommen allein, vielleicht zu zweit. Höchstens einmal zu dritt – wobei das oft schon die Grenze ist, ab der die Gruppendynamik die Wahrnehmung des Handwerks verdrĂ€ngt. Sie sind dort, um QualitĂ€t zu erkennen. Sie beobachten die Technik, schĂ€tzen die Textur des Glases und die Balance der Zutaten. FĂŒr sie ist der Tresen ein Ort der Kontemplation, fast schon ein meditativer Raum.

Es geht mir dabei gar nicht um ein Elitedenken. Es ist schlicht eine Frage der Intention: Gehe ich dorthin, um eine gute Zeit mit anderen zu haben (uti), oder gehe ich dorthin, um die Bar in ihrer Ganzheit zu erfahren (frui)? Die Ruhe vor dem Sturm am Tresen zu geniessen, einem Profi bei der Arbeit zuzusehen und nach zwei prĂ€zisen Drinks das Feld zu rĂ€umen, wenn es laut wird, hat fĂŒr mich eine fast stoische QualitĂ€t.
 
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