Barbesuch - weshalb?

Old Sour

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Ein Barbesuch ist kein Einheitserlebnis; er ist ein höchst wandelbares Manöver, das davon lebt, mit welcher Absicht man kommt. Ist es der geschĂ€ftliche ApĂ©ro, bei dem die Bar nur die noble Kulisse fĂŒr taktische GesprĂ€che bildet? In diesem Fall bleibt man oft Distanzwahrer, der Drink ist nur ein Accessoire, und man wird kaum Teil der eigentlichen Bar-Energie. Ganz anders verhĂ€lt es sich, wenn man mit einem engen Freund oder einer Freundin kommt. Hier wird die Bar zum Kokon. Man sucht die IntimitĂ€t, und im Idealfall verschmelzen das GesprĂ€ch, der Drink und die AtmosphĂ€re zu einem Gesamtkunstwerk, bei dem man gar nicht mehr sagen kann, was wichtiger ist – die Tiefe des Dialogs oder die Tiefe des Glases.

Es ist eine bewusste Entscheidung, was man in den Vordergrund stellt. Sucht man die handwerkliche Exzellenz, zieht es einen fast zwangslĂ€ufig an den Tresen, direkt in das Kraftzentrum der Bar. Will man hingegen, dass die AtmosphĂ€re einen lediglich umhĂŒllt, wĂ€hrend das GesprĂ€ch die Hauptrolle spielt, ist ein Tisch im Schatten die bessere Wahl. Doch es gibt eine soziale RealitĂ€t, die man nicht ignorieren kann: Die Bar ist ein Raum der Signale. Besonders fĂŒr Frauen ist der Barbesuch oft mit einer Gratwanderung verbunden. Ein alleiniger Platz am Tresen wird in unserer Gesellschaft immer noch oft als eine Form der Einladung missverstanden, als ein Signal der VerfĂŒgbarkeit, selbst wenn man nur gekommen ist, um in Ruhe einen exzellenten Drink zu genießen und den Gedanken nachzuhĂ€ngen. Dieses GefĂŒhl, dass man als Frau allein kaum „unsichtbar“ sein kann, macht die Bar zu einem aufgeladenen Ort. In einer wirklich guten Bar ĂŒbernimmt der Barkeeper hier die Rolle des BeschĂŒtzers und sorgt dafĂŒr, dass der Gast – egal welchen Geschlechts – die Freiheit hat, einfach nur Beobachter zu sein.

Oft beginnt dieser Prozess der Einordnung schon lange vor dem eigentlichen Eintreten, quasi als rituelles Einlesen auf der Homepage der Bar. Es hat eine ganz eigene QualitĂ€t, die GetrĂ€nkekarte vorab zu studieren, die Handschrift des Hauses zu verstehen und sich im Geist vielleicht schon eine kleine Dramaturgie, ein eigenes „MenĂŒâ€œ fĂŒr den Abend, zusammenzustellen. Man kann so schon im Vorfeld entscheiden, welcher Pfad durch die Nacht fĂŒhrt. Doch die wahre Kunst des Gastes zeigt sich darin, trotz dieser Vorbereitung offen fĂŒr den Augenblick zu bleiben. Oft entscheidet erst die AtmosphĂ€re im Raum: Man kann sich sein MenĂŒ festlegen und doch im letzten Moment spontan umschwenken, wenn die Stimmung an der Bar plötzlich nach einem ganz anderen Begleiter verlangt.

Letztlich ist die Kunst des Barbesuchs die Kunst der Selbstpositionierung. Man kann fragen: Will ich heute nur „dabei“ sein, will ich tief eintauchen oder will ich schlichtweg das Handwerk bewundern? Wer mit dieser Klarheit eintritt, wird feststellen, dass die Bar auf jede dieser Erwartungen eine Antwort hat. Man muss nur bereit sein, die eigene Rolle in diesem nĂ€chtlichen TheaterstĂŒck bewusst einzunehmen, ohne sich von den ungeschriebenen Gesetzen des Raums beirren zu lassen.
 

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